St. Johannis Würzburg

1979 – ein Jahr der großen Entscheidung! Der Landeskirchenmusikdirektor Joachim Widmann hatte die Weichen gestellt und mich sanft in Richtung Würzburg gedrängt. Die damals in ganz Deutschland berühmte A-Kirchenmusiker-Stelle an St. Johannis zu Würzburg war frei geworden, ich hatte mich beworben und bekam sie. Berühmt war sie, weil die J. S. Bach-Gesellschaft e.V. in Würzburg die Arbeit des an St. Johannis beheimateten Bachchores und Bachorchesters nachhaltig unterstützt und die jährlich stattfindenden Würzburger Bachtage in Eigenregie durchführt.

Und gleich zum Einstand bekam ich noch ein extratolles Zuckerl: Ich sollte 1982 das internationale Bachfest der Neuen Bachgesellschaft ausrichten und durfte mir selbst die Highlights aussuchen! Höhepunkt war zum Einen die Aufführung von zwei weltlichen Bachkantaten im Kaisersaal der Residenz. Regie führte Ernst Poettgen, der Bachchor agierte erstmals als Opernchor, ich durfte dirigieren.

Das andere Highlight war die Aufführung der Johannes-Passion als Schlusskonzert mit Peter Schreier als Evangelist – er war damals auf dem Höhepunkt seines Könnens.

Geprobt wurde und wird auch nach meinem Weggang zweimal in der Woche – mindestens! Und das bis 2013 im eigenen Bachsaal, und immer mit Korrepetitor! Viele von meinen ehemaligen Assistenten sind inzwischen selbst große Dirigenten – Jörg Hannes Hahn in Stuttgart, Matthias Göttemann in und um Würzburg, Thorsten Göbel in Düsseldorf, Steffen Schlandt in Kronstadt / Rumänien, Hannelore Höft in Unna, und Thomas Albus ist sogar Rektor der Kirchenmusikschule Bayreuth.

Ich gründete 1979 gleich auch einen Kinderchor, den es ohne Unterbrechung seitdem gibt und für den ich fast jedes Jahr eine neue Kinderoper geschrieben habe, manchmal auch ein geistliches Kinderoratorium. 2005 ist ein veritabler Jugendchor dazugekommen und ein herzerfrischender Zwergerlchor.

Mit dem Bachchor durfte ich wunderbare Konzerte veranstalten, und auch das Orgelspielen betrieb ich damals noch fleißig. Ich hatte ein wunderbares Instrument von Beckerath aus dem Jahr 1960, das für alle Musik vor und bis Bach trefflich geeignet ist.

Das Thema „Oper in der Kirche“ beschäftigte mich damals sehr und so dauerte es nicht lange, bis mein unvergesslicher Pfarrer Hiller und der Kirchenvorstand überredet waren, Händels „Belsazar“ in der Kirche aufzuführen. Als Taufstein und Kanzel weg waren und die riesigen Gerüste in der Kirche Gestalt annahmen, wurde es uns allen etwas bang…..

Aber die wunderbare Aufführung des „Belsazar“ und zwei Jahre später des „Samson“ (ebenfalls von Händel) wischte alle Bedenken beiseite. Der Bachchor agierte professionell – und singen konnte er sowieso!

Natürlich sind wir auch gereist – meist mit Chormitgliedern aus Frankfurt und Heidelberg zusammen.

Italien wurde wieder aktuell, eine Johannes-Passion in Pesaro zur Einweihung des neuen Teatro Rossini, ein wunderbarer Messias mit Waltraut Meier in Cremona, Bachkantaten in Turin und in Triest, Fauré-Requiem in Mailand und vieles anderes mehr.

Aber auch in der Heimat waren wir unterwegs, höchst prominent in der Leipziger Thomaskirche mit Mendelssohns Elias und Paulus – Konzerte, die der Cäcilienchor auf den Weg gebracht hatte – und dreimal Carmina Burana in München, Düsseldorf und Frankfurt mit Super-Solisten und einem (für den Dirigenten) schweren Programm.

Aber auch in Würzburg selbst waren wir fleißig tätig, nicht nur in St. Johannis, nein auch im Festungsgraben mit einer Carmina, im Dom mit einem Multimedia-Projekt, in der Augustiner-Kirche mit einem Luther-Abend – und immer wieder ist uns etwas Neues eingefallen…..

Über Ancy-le-Duc und Wachenheim muss gesondert erzählt sein, ebenso über unsere weiteren Opernabenteuer in und um Würzburg. Neben all diesen Extratouren waren wir aber immer auch noch ein richtiger Kirchenchor, der zu den Festsonntagen Kantaten und Motetten singt!

Mehrfach war das Fernsehen bei uns zu Gast, meist habe ich dazu ad hoc etwas komponiert, das ein wenig abseits des Weges angesiedelt war. Schlagzeug, Saxophon und Synthesizer in Verbindung mit Chor und Orgel hat uns viel Anerkennung gebracht.

Nach 37 Jahren blicke ich auf eine wunderbare, spannende und anregende Zeit zurück. Ich verdanke diesen Jahren in Würzburg mit „meinem“ Bachchor so unendlich viel und hoffe, dass ich ein paar Fußspuren in der Stadt am Main hinterlassen habe.